Modulare Regale fühlen sich wie eine zeitgenössische Idee an, was ein Kompliment daran ist, wie gut ihre Erfinder gealtert sind. Das Konzept ist drei Generationen alt: Die Vorstellung, dass Möbel ein Teilesystem auf einem Raster sein sollten, erweitert und umgebaut statt ersetzt, wurde zwischen 1949 und den frühen Achtzigern von einer Handvoll Gestalter ausgearbeitet, deren Systeme bis heute produziert werden. Diese Geschichte zu kennen, ist aus einem praktischen Grund nützlich – die Fragen, die diese Gestalter beantwortet haben, sind genau die Fragen, die man vor dem Kauf jedes Systems stellen sollte.
Vier Systeme, vier Antworten
1949 gewannen die schwedischen Gestalter Nisse und Kajsa Strinning einen Wettbewerb des Bonnier-Verlags mit String: Drahtleitern an der Wand, Böden dazwischen eingehängt, so leicht, dass es sich fast selbst an die Wand zeichnete. Es machte das Regal demokratisch – günstig zu versenden, einfach zu erweitern, visuell still. String ist seitdem ununterbrochen in Produktion, und seine Antwort auf die Systemfrage war Leichtigkeit.
1960 entwarf Dieter Rams für Vitsœ das 606 Universal Shelving System: Aluminium-Schienen an der Wand, Böden hineingekragt, alles entlang einer durchgehenden Schiene versetzbar und ersetzbar. Das 606 wurde zur Referenz für die Ethik der Idee – ein Unternehmen, das Kunden ermutigt, weniger zu kaufen und später zu erweitern. Seine Antwort war Kontinuität: das System als jahrzehntelange Beziehung statt als Kauf.
Ab 1963 machten der Schweizer Ingenieur Paul Schärer und der Architekt Fritz Haller aus einem architektonischen Bausystem ein Möbel. USM Haller, 1965 patentiert und später in die Sammlung des Museum of Modern Art aufgenommen, verbindet verchromte Rohre über Kugelgelenke zu einem strengen Raumraster, gefüllt mit lackierten Stahlflächen. Seine Antwort war Strenge – Möbel als kleine Architektur, mit der Präzision und der Präsenz, die das mit sich bringt.
Und 1982 gründete Peter J. Lassen in Dänemark Montana: lackierte Module in Dutzenden Größen und heute über vierzig Farben, komponiert wie Bilder an einer Wand. Montanas Antwort war Ausdruck – das Modul als Pixel, das Regal als Komposition.

Was sechzig Jahre Systeme einen Käufer lehren
Zieht man die Ästhetik ab, einigen sich die vier Klassiker auf eine kurze Checkliste, die zugleich ein Test für jedes neuere System ist, unseres eingeschlossen. Erstens: Gibt es ein echtes Raster? Ein System steht und fällt mit einem Maß, das sich wiederholt: Strings Leiterabstand, die Schienenteilung des 606, USMs Kugel-zu-Kugel-Modul, Montanas Einheitsgrößen. Teilen die Teile kein Raster, ist Erweiterbarkeit Marketing. Zweitens: Gibt es Teile einzeln, auch Jahre später? Jeder der Klassiker verkauft heute einzelne Böden und Komponenten für Möbel, die vor Jahrzehnten gekauft wurden. Drittens: Übersteht das Möbel die Demontage? Ein System, das sich schadlos zerlegen und wieder aufbauen lässt, ist ein anderes Objekt als eines, das einmal montiert wird. Und viertens: Rechnet das Unternehmen selbst damit, dass sein Möbel Moden überlebt? Ununterbrochene Produktion seit 1949, 1960, 1965 und 1982 ist das stärkste Qualitätssignal der Branche – nachschlagbare Langlebigkeit.


